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Analyse BioNTech Aktie

Vorwort

Vor einigen Tagen erreichte uns eine Mail einer Newsletterabonnentin mit der Anfrage, ob wir denn mal die BioNTech Aktie bewerten könnten. Also machten wir uns an die Arbeit. Die erste Anlaufstelle ist die Investor Relations Website der BioNTech SE.

Ein Blick in die aktuellen Quartalsberichte lässt schnell erkennen, dass BioNTech im Moment eine regelrechte Gewinnmaschine ist. In den letzten 12 Monaten (LTM) hat BioNTech einen Umsatz von über 13 Mrd. EUR erwirtschaftet und einen Gewinn von 7,5 Mrd. EUR. Das ist eine Nettomarge von 55,0%. Das sind schier unglaubliche Zahlen. Mit dem COVID-19 Impfstoff haben BioNTech und Pfizer etwas sehr Bemerkenswertes geleistet.

Für unsere Analysen gehen wir in der Regel mindestens 5-6 Jahre in die Vergangenheit, um uns einen Überblick über die Entwicklung des Unternehmens zu machen. BioNTech ist erst seit 2019 an der Börse (genauer an der NASDAQ) gelistet und daher gibt es nur Daten ab 2017.

Ehrlich gesagt reicht an dieser Stelle schon ein Blick in den Geschäftsbericht 2020. Daraus wird schon ersichtlich, dass vor der Erfindung des Impfstoffs bei BioNTech nicht viel passiert ist. Das Unternehmen hatte eher niedrige dreistellige Millionenumsätze aus Forschungszuschüssen und deutliche operative Verluste geschrieben. Um es nochmal zu verdeutlichen: BioNTech hat vor 2020 kein einziges Produkt verkauft.

Hier entsteht unser erstes Problem: Wir können aus der Historie des eigentlich nicht viel für die künftige Entwicklung des Unternehmens herleiten. Es gibt durchaus zahlreiche Projekte für mRNA basierte Therapien, aber nur in frühen Stadien.

Im Laufe der Recherchen, die relativ kurz dauerten, da schnell klar, dass das hier nichts wird, sind diverse Probleme aufgetaucht. Alle die daran Interesse haben, wie eine Bewertung eines Unternehmens funktionieren könnte, zumindest in Theorie, können weiterlesen. Für diejenigen, die den Fair Value von BioNTech in unserem Artikel suchen und noch nicht fündig geworden sind, hier schon mal vorab die Antwort. Das nimmt zwar etwas Spannung raus, aber spart vielen Lesern vielleicht Zeit:

Wir haben KEINEN Fair Value für BioNTech ermittelt.

Unsicherheit und noch mehr Unsicherheit

Normalerweise ermitteln wir den Fair Value eines Unternehmens mittels DCF Verfahren. Das DCF Verfahren (Discounted Cashflow) benötigt einige Inputfaktoren, die man für künftige Entwicklung schätzen muss. Zu diesen Inputfaktoren gehören neben den Kapitalkosten, die wir an dieser Stelle außen vorlassen, vor allem die freien Cashflows. Wir nutzen das Konzept der Owners Earnings, wobei es hier kaum einen Unterschied gibt.

Die Ermittlung dieser erfolgt nach dieser Formel:

grafik 19

Wir gehen nicht jeden Parameter nacheinander durch, sondern beschränken uns hier auf die Umsatzerlöse, denn daran scheitert es schon.

Umsatzerlöse nicht verlässlich schätzbar

In vielen Fällen kann man die Umsatzerlöse relativ gut schätzen, indem die Historie des Unternehmens analysiert und aktuelle Trends berücksichtigt wird. Natürlich hat man selten eine Punktlandung, aber es gibt eine gewisse Annäherung an den tatsächlichen IST-Wert und man ist nicht meilenweit davon entfernt.

Bei BionTech wissen wir, dass der Umsatz in 2017 62 Mio. EUR betrug und in den letzten 12 Monaten rund 13,8 Mrd. EUR. Daraus kann nun wirklich keinen Trend erkennen oder etwas ableiten.

BioNTech Umsatzentwicklung bis 2021
BioNTech Umsatzerlöse 2017 bis heute

BioNTech selbst gibt im Q3 Report an, dass es für 2021 einen Umsatz von ca. 16-17 Mrd. EUR erwartet.

BioNTech Umsatzschätzung
Q3 Umsatzschätzung 2021 durch BioNTech in Investorenpräsentation

Drei Monate vorher waren es noch unter 16 Mrd. EUR.

BioNTech Umsatzschätzung
Q2 Umsatzschätzung 2021 durch BioNTech in Investorenpräsentation

Dazu kommen zahlreiche weitere Unsicherheitsfaktoren. Wir denken, dass besonders drei hervorstechen, nämlich die Unsicherheiten bezüglich der weiteren Pandemieentwicklung, die Politik und die Konkurrenz. Alle drei hängen eigentlich zusammen und haben untereinander Abhängigkeiten und Auswirkungen. Wir versuchen trotzdem getrennt zu erklären, was wir damit meinen.

Weitere Pandemieentwicklung

Wir sind zwar keine Biologen und auch keine Virologen aber in den vergangenen fast 2 Jahren Pandemie haben wir alle gelernt, dass Viren sich verändern und neue Virusvarianten entstehen, diese können schlimmer und eben weniger schlimm werden. Es könnte sein, dass der Virus sich verharmlost und eine Impfung nicht mehr nötig macht oder eben genau das Gegenteil. Eine Mutation, gegen die der Impfstoff vielleicht sogar gar nicht hilft.

Politik

Politische Entscheidungen haben in dieser Pandemie unmittelbare Auswirkungen auf die Umsätze der Impfstoffentwicklern. Soll mehr oder weniger geimpft werden? Wie oft soll geimpft werden? Diese Fragen werden nicht nur medizinisch beantwortet, sondern auch politisch. Auch die Politik entscheidet, wie viel Impfstoff wird bestellt, bei wem und zu welchen Konditionen? Das ist alles andere als sicher.

Konkurrenz

Die Konkurrenz schläft nicht (außer vielleicht Curevac). Es gibt weltweit zahlreiche Impfstoffkandidaten, die ebenfalls sehr aussichtsreich sind. Neben den schon zugelassenen Impfstoffen von Moderna, J&J, AstraZeneca, Sinovac und Sputnik stehen auch Novavax und Valneva kurz vor der Zulassung in zahlreichen Ländern und bieten so mehr Wettbewerb.

Neben Impfstoffen ist natürlich auch eine klassische Behandlung mit Medikamenten ein Thema. Gerade erst vor kurzem hat sogar der Partner von BioNTech, Pfizer, eine „Anti-Covid-Pille“ entwickelt.

BioNTech = One-Trick-Pony?

Im Moment ist BioNTech ein One-Trick-Pony. Was bedeutet das? Das Unternehmen hat nur ein Produkt, mit dem es Geld verdient. Alles andere verursacht nur Kosten. Und dieses One-Trick-Pony hat auch nur eine begrenzte Laufzeit (die des Patentschutzes). Wichtig ist, dass BioNTech weitere Medikamente und Therapien entwickelt, die es zum Markt schaffen. Ist das der Fall, wird das auch unmittelbar Auswirkungen haben.

Im Q3 Report von BioNTech wird eine Liste mit verschiedenen Projekten und deren Status dargestellt. Wir ersparen uns hier den Screenshot davon, da es bei uns nur große Fragezeichen aufwirft. Mehr dazu im Kapitel zum Circle of Competence.

Zusammengefasst möchten wir hier erläutern, warum es unserer Meinung nach nicht möglich ist, eine vernünftige Schätzung für die langfristige Umsatzentwicklung von BioNTech abzugeben. Es gibt einfach zu viele Unsicherheitsfaktoren.

Andere Bewertungskonzepte?

Sicherlich kann man auf die Idee kommen und andere Bewertungskonzepte berücksichtigen. Wenn das DCF Verfahren nicht funktioniert, dann nimm doch das KGV oder das KBV oder das KUV.

Das Problem ist, dass diese auch nur eine Momentaufnahme darstellen und uns nicht dabei helfen einen fairen Wert zu ermitteln. Die Zukunft bleibt auch hier unsicher. Auf den ersten Blick sieht das KGV bei BioNTech sehr niedrig aus. Es liegt bei rund 10. Man wird sich fragen, wie das sein kann bei so einer Gewinnmaschine.

Das ist ganz einfach zu beantworten: Die Unsicherheit. Auch der Markt weiß hier einfach nicht, wie hoch BioNTechs künftige Gewinne und Cashflows sein werden. Daher scheint das Unternehmen nach statischen Maßstäben durchaus attraktiv bewertet, aber das ist zu einfach gedacht. Außerdem lassen sich „Multiplier“ nicht vorhersagen.

Konzept des „Circle of Competence“

Ein wichtiges Thema für Investoren ist der sogenannte „Circle of Competence„. Warren Buffett hat dazu folgendes gesagt:

„What an investor needs is the ability to correctly evaluate selected businesses. Note that word ‘selected’: You don’t have to be an expert on every company, or even many. You only have to be able to evaluate companies within your circle of competence.“

Berkshire Hathaway Annual Report 1996

Es gibt vielleicht Analysten, Finanzblogger oder andere kluge Menschen, die die Entwicklungen bei BioNTech besser verstehen und daher einige der oben genannten Unsicherheitsfaktoren ausschließen können. Dazu gehören wir allerdings nicht. Biotechnologie, vor allem in solchen Stadien, und das Geschäftsmodell drum herum ist weit weit weit außerhalb unseres „Circle of Competence„. Daher halten wir uns in diesen Fällen an Charlie Munger.

„We have three baskets for investing: yes, no and too tough to understand.“

Charlie Munger

Fazit

Zuallererst tut es uns schon leid, dass wir unsere Abonnentin enttäuschen müssen und leider keine Aussage zum Fair Value von BioNTech treffen können. Wir sind der Überzeugung, dass aufgrund der oben genannten Thematiken keine seriöse Schätzung des Fair Values möglich ist. Man kann evtl. eine Bandbreite ermitteln, aber diese wird sehr groß sein. Rein mathematisch ist das möglich, aber das ist dann auch kein Value Investing mehr.

Falls BioNTech in einigen Jahren deutlich an Wert zunimmt wird es bestimmt Personen geben, die sagen „war doch klar“ und falls BioNTech deutlich an Wert verlieren sollte wird es auch Personen geben, die sagen „war doch klar“. Wir schieben BioNTech zur Seite und schauen lieber andere Unternehmen an. Bis zur nächsten Analyse.

Vielen Dank für ihr Interesse und fürs Lesen!

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Bitte beachten Sie unsere rechtlichen Hinweise zur Aktienanalyse.

Die Analyse stellt keine Anlagenberatung dar oder eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf der Aktie. Der Autor ist in diese Aktie nicht investiert.

Quelle Beitragsbild und Fotos: CANVA